Wir nehmen es kaum mehr wahr, doch Strom ist ein zentrales Element unserer Wirtschaft. Ohne Strom gibt es kein Benzin an den Tankstellen, stehen Versorgungsketten still, funktioniert die Heizung nicht und fliesst kein Wasser mehr in unsere Haushalte.
Beeindruckt von der kürzlichen Lektüre von Marc Elsbergs „Blackout“ schildert dieser Artikel den Ablauf eines Stromausfalles beträchtlicher Dauer und zeigt einige Massnahmen auf, die zu treffen sind.
Durch die Online-Vernetzung und Privatisierung ist unsere Stromproduktion und -verteilung anfälliger auf Störungen geworden. Ähnlich den Monokulturen in der Landwirtschaft reduziert das Effizienzdenken die Resilienz von Stromnetzen. Grosse Konglomerate setzen die selben Komponenten ein, die sich aus der Ferne warten (und beeinflussen) lassen. Die Aufteilung in private Stromproduzenten, Netzbetreiber und Stromhändler sorgt dafür, dass sich jede Partei in ihrem Bereich ökonomisch effizient zu verhalten sucht, ohne Service Public als oberstes Gebot zu haben.
Ohne auf technische Details einzugehen, wird von einem Szenario ausgegangen, in welchem Strom für mehrere Tage wegbleibt.
- Licht, Heizung und Geräte fallen sofort aus, ebenso elektrisch betriebene öffentliche Verkehrsmittel
- Bankomaten, Ladenkassen und elektronische Zahlungsmittel fallen total aus
- Tankstellen können ab sofort nicht mehr Treibstoff fördern, entsprechend fahren Privatautos und Taxis noch bis zum Ende der Tankfüllung
- Die Wärme bleibt noch ein wenig bestehen, doch in der kalten Jahreszeit kühlen Wohnungen innert Stunden aus
- Ebenso der Kühlschrank und die Gefriertruhe – hier hält sich die tiefe Temperatur über einige Stunden
- Telekommunikationstürme werden von Batterien und Notstromaggregaten gespiesen, so dass das Mobiltelefonnetz noch ein paar Stunden weiter funktionieren kann
- Laptops und andere Mobilgeräte haben noch Strom bis zum Ende der Batterieladung
- Das Internet ist abhängig von der Stromversorgung der entsprechenden Servern, fällt also teilweise aus
- Aufgrund fehlender Kühlung verderben Waren und bei fehlendem Treibstoff können Läden nicht mehr mit Nachschub beliefert werden
- Lebenswichtige Medikamente können nach einigen Tagen nicht produziert und geliefert werden, was Herz-, Dialysepatienten und Diabetikern das Leben kosten könnte
Was kann dagegen unternommen werden?
Notstromaggregate und USV-Batterien
Batterien sind allenfalls gut für einen ganzen Tag Stromausfall, doch für längere Dauer muss ein Stromgenerator her. Da es sich dabei meist um Verbrennungsmotoren handelt, braucht es Betriebsmittel und Kühlung. Eine Überhitzung ist bei längerem Einsatz zu erwarten, so dass Pausen oder Redundanz vonnöten sind. Solarzellen, Fahrraddynamos und dergleichen lassen sich zum Nachladen von Kleingeräten nutzen.
Nahrungsmittel
Lebensmittelverteiler sind nach 2 Tagen leergekauft und die Versorgungskette unterbrochen. Der Bund empfiehlt Notvorrat für eine Woche, was in etwa 10 kg pro Person bedeutet. Zur Zubereitung dieser Vorräte braucht es Wasser und Kochvorrichtung, die unabhängig von Strom funktionieren soll.
Hygiene
Wasser hat es im Spülkasten für einen einzigen Spülvorgang, danach geht nichts mehr. Ein Kübel mit Klobrille und ausgekleidet mit robustem Plastiksack sollte dem Badzimmer die schlimmsten Verstopfungen vorbeugen. Wasser und Seife oder Desinfektionslösung ist unabdingbar, um im meist engen Miteinander von Notsituationen Infektionskrankheiten zu vermeiden. Da der Strom oft nicht 100% wegbleibt, fliesst Wasser manchmal auch nach Eintreten der Krisensituation wieder, so dass sich dann Gefässe oder die abgedichtete Badewanne füllen lassen.
Wärme und Licht
Neben Kleidung, dem Zusammenrücken in einem einzigen Zimmer gibt es ein einigen Wohnungen funktionierende Feuerstellen, die allerdings einen Holzvorrrat voraussetzen. Kerzen und LED-Lampen mit Batterien sorgen auch in der Nacht für einen gewissen Handlungsspielraum.
Sicherheit
Falls die stromlose Situation anhält, sind Sachwerte und Gefängnisse nicht mehr mit Alarmanlagen geschützt. Die Sicherheitskräfte sind beschäftigt mit der Rettung von Leben und der Wiederherstellung von Ordnung soweit die fehlenden Kommunikationsmittel dies zulassen. Ein Sicherheitsdispositiv zum eigenen Schutz bedingt einen Plan, entsprechendes Material sowie Personal. Miteinander ist man stärker.
Finanzen
Preise für Güter des täglichen Bedarfs schnellen in die Höhe, es wird nur noch Bargeld verwendet. Die Banken versuchen, Bargeld zu rationieren, falls sie noch welches im Tresor haben und rufen danach eine Serie von „Bankfeiertagen“ aus. Gold und Schmuck wird zu markigen Discounts in Bargeld umgewandelt, weil Zweifel an der Echtheit ohne elektronische Geräte nicht ausgeräumt werden können. Börsen bleiben geschlossen, nachdem zuvor in Erwartung massiver Schäden starke Kursrückschläge zu verzeichnen waren. Spekulanten versuchen, mit Leerverkäufen von der Situation zu profitieren, während die breite Bevölkerung gut daran tut, eine Bargeldreserve zu halten.
Transport
Für gewisse Berufsgruppen ist es wichtig, weiterhin zur Arbeit gehen zu können, um systemrelevante Tätigkeiten aufrecht zu halten. Treibstoffvorräte, Fahrzeug-Sharing, Fahrrad oder Nähe zum Arbeitsort stellen dies sicher. Wenn der ganze Haushalt verlegt werden muss, sollte ein Ziel bekannt und ein Transportmittel vorhanden sein.
Kommunikation
Bei kabelgestützten Analogtelefonen fliesst Strom in der Leitung selbst, so dass diese weiterhin funktionieren, falls die Telefongesellschaft den Strom einspeisen kann. Satellitengestützte Kommunikation funktioniert ebenfalls weiterhin, sofern keine Bodenstationen zum Einsatz kommen, die vom Stromausfall betroffen sind. Internet über Satellit ist ebenfalls robust solange das Signal nicht über einen Server geht, der vom Stromausfall lahmgelegt ist. CB Funk und Kurzwelle basieren meist auf battereibetriebenen Geräten, so dass sich so ein Kommunikationsnetz aufbauen liesse. Ein einfaches batteriebetriebenes Radio stellt zumindest den Empfang von Informationen sicher.
Medizin
Krankenhäuser werden überlastet sein und ein Mangel an allen Verbrauchsmaterialien wird herrschen. Es lohnt sich, zuhause ein Lager an wichtigen Medikamenten anlegen und Antibiotika, Schmerzmittel sowie Material für kleine Eingriffe steril bereitzuhalten.
Die Zeit danach
Wer denkt, dass am Tag nach Beendigung des Stromunterbruches alles wieder wie am Schnürchen läuft, soll sich die folgenden Auswirkungen vor Augen führen:
Stromproduktion starten: Gewisse Kraftwerke können recht einfach und aus eigener Kraft hochgefahren werden, während z.B. thermische Kraftwerke einen beträchtlichen Input an Energie brauchen, um wieder zu starten nachdem sie kalt geworden sind. Atomkraftwerke brauchen teilweise beträchtliche Mengen an Energie, um selbst im ausgeschalteten Zustand eine Kühlung sicherzustellen, was zu Störfällen führen kann. Überspannungen kann Turbinen zerstören, so dass Aufräumarbeiten nach einem langdauernden Stromausfall Monate bis Jahre dauern können
Produktionsstätten ankurbeln: Moderne Just-in-time Produktion hat die Lagerhaltung zu Gunsten der Effizienz und zu Ungunsten der Resilienz in einem Mass reduziert, dass eine Nachschubverzögerung von einem Tag bereits zum Stillstand der Produktion führen kann. Ohne Strom bleiben Kühe ungemolken und sterben. Ebenso die Hühner und Schweine, die in Hallen ersticken, erfrieren, verdursten oder verhungern. Treibhauskulturen können nicht beheizt und bewässert werden, so dass es zu einem Totalausfall gewisser Kulturen kommt. Hier dauert Monate bis Jahre, bis eine Normalisierung der Lage eintritt.
Zulieferketten wieder aktivieren: Lagerhallen mit verderblichen Lebensmitteln müssen zuerst gereinigt und wieder bestückt werden. Lastwagen bringen nach und nach wieder ein beschränktes Sorttiment in den hintersten Winkel des Landes, was mehrere Tage in Anspruch nehmen kann.
Wasser und Abwasserversorgung in Betrieb nehmen: Nachdem Wasserleitungen einige Tage leer waren und sich mit Luft füllen konnten, ist eine Verkeimung nicht auszuschliessen, so dass zunächst ein Reinigungsvorgang notwendig ist. Beim Abwasser hat die Mangel an Flüssigkeit zur Antrocknung und Verstopfung in der Kanalisation geführt, die zunächst entstopft werden müssen. Eine Sache von mehreren Wochen.
Sicherheit und Ordnung wiederherstellen: Falls Plünderungen stattgefunden haben, Mord und Totschlag begangen wurde, Anarchie ausgebrochen ist, ganze Gefängnisse getürmt sind, ist einiges im Argen. Auch hier wird es Monate bis Jahre dauern, bis eine Normalisierung und juristische Aufarbeitung stattgefunden hat.
Links
- Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen Ausfalls der Stromversorgung
- Merkblatt Notvorrat
(Foto von Elora, Ontario Anfang 1900 auf Wikimedia.org)

Danke für die tolle Zusammenfassung. Blackouts werden im Hinblick auf den Ausbau der erneuerbaren Energien und der Abschaltung von konventionellen Kraftwerken zunehmend zum Thema. Beispiel Südaustralien diese Woche.