Hier sind die News: Ich habe meinen gut bezahlten Job in der Schweiz gekündigt und ziehe arbeitslos nach Luxemburg. Warum würde jemand sowas tun wollen? Die Schweiz ist eines der schönsten Länder überhaupt und es gibt keinen Grund zur Fahnenflucht! Ja, korrekt und ich gönne mir den Luxus, meine Träume realisieren zu wollen und ich scheue mich nicht, an einem neuen Ort Fuss zu fassen.
Es hat verdammt lang gedauert, bis ich mich von meiner Angst lösen konnte, mit 50+ arbeitslos zu sein. Und es hat Mut gebraucht, den guten Job in der Finanzindustrie zu schmeissen. Aber ich suche nach einem Ort und einer Tätigkeit, wo ich Menschen und Unternehmen helfen kann, zu wachsen. Ob Luxemburg dafür der richtige Ort ist, wird sich noch zeigen. Es hat sich nun mal so ergeben, dass meine Herzdame dort einen Job gefunden hat. Aber eigentlich möchte ich hier von was anderem schreiben: welche finanziellen und administrativen Folgen der Wechsel für mich hatte und welche Überraschungen es dabei gab.
Der Luxemburger Wohnungsmarkt ist ausgetrocknet wie eine Dörrpflaume. Wohnungsmakler präsentieren teure Wohnungen und verlangen fürs Besichtigen einer Wohnung eine volle Monatsmiete. Mit 17% Mehrwertsteuer wohlgemerkt, was impliziert, dass mit der Dienstleistung ein Mehrwert geschaffen wurde. Makler arbeiten für Vermieter, doch die Mieter müssen die Maklergebühr bezahlen. In anderen europäischen Ländern hat man dieses Thema längst fifty-fifty gelöst, doch Luxemburg mit seinen 600’000 Einwohnern hat wohl andere Probleme.
Die Vermieter wollen dabei einen Arbeitsvertrag sehen, der nicht befristet ist und nach Abzug der 40% Quellensteuer und obligatorischen Versicherung einen Nettolohn lässt, der mindestens 3x so hoch ist wie die Miete. Gleichzeitig sind sie interessiert an einem zwei-bis dreijährigen Mietvertrag und erheben eine Kaution von 2 – 3 Monatsmieten. Ein Eldorado für Vermieter und deren Makler. Zum Glück hat meine Freundin einen Arbeitsvertrag, der für die 3 1/2 Zimmerwohnung reicht, sonst hätte ich eine andere Lösung wie Untermiete oder AirBnB suchen müssen. Wir haben zudem dank einer alten AirBnB-Bekanntschaft maklerlos eine Wohnung mit nettem Vermieter und fairem Preis gefunden, so dass wir uns gleich mehrfach glücklich schätzen dürfen.
Im Jahr 2015 betrug der Medianlohn in Luxemburg 5’300 Euro. Unter Berücksichtigung aller Ausgaben könnte man sich damit eine Wohnung für rund 1000 Euro pro Monat leisten. Die gibt es nicht in der Nähe von Luxemburg City. Ich glaube aber nicht, dass meine Coiffeuse soviel verdient wie 50% der Lohnempfänger. Sie wohnt über 2 Stunden weit weg in Frankreich und sitzt jeden Tag viereinhalb Stunden im Bus, zusätzlich zu 8 Stunden Arbeit und eventuell einer Mittagspause. Luxemburg lebt von den 170’000 Grenzgängern aus Frankreich, Deutschland und Belgien, die über 40% der Arbeitsstellen ausmachen. Daneben hat Luxemburg eine Immigrantenpopulation aus Portugal, die 16% der Einwohner ausmacht. Luxemburg hat Ausländer im Griff und versteht es, seine Souveränität perfekt zu nutzen: Fondsgesellschaften, Unternehmenssteuern und Asteroidenschürfrechte werden den Einkommensstrom für den Staat auch in ferner Zukunft sicherstellen.
Da ich arbeitslos bin, gibt es einige Hindernisse für mich, eine Niederlassungbewilligung für Luxemburg zu kriegen. Ich kann darauf plädieren, Anhang zu sein. In diesem Fall will der Staat prüfen, ob er das auch so sieht. Als Alternative muss ich beweisen können, dass ich keine Last für das Sozialsystem bin. Das kann ich tun, indem ich einen Bankauszug über mindestens 20’000 Euro vorweise. Im Moment blicke ich noch überhaupt nicht durch, wofür ich überhaupt eine solche Bewilligung brauche. Am wahrscheinlichsten, um steuerpflichtig zu werden, damit ich die bestehende Bankverbindung in der Schweiz mit einer Steuernummer regularisieren kann.
Der Arbeitsvertrag meiner Freundin war die Basis für den Mietertrag und für eine Adresse. Mit dieser Adresse (es hätte vielleicht auch eine beliebige sein können) liess sich ein Mobiltelefonabo lösen. Da ich zunächst einen Kabel-Internetanschluss beantragt hatte, war der Beweis der Wohnsitznahme vermutlich schon erledigt, als ich bei der netten Dame von der Post den Wunsch nach Mobilabo aussprach. Überraschend war hier für mich als Schweizer, dass die Schweiz als EU-Land gilt. Somit kann ich mit der Luxemburger Nummer in ganz Europa mit günstigen Roamingtarife telefonieren und im Internet surfen. Umgekehrt geht dies nicht, da werden Schweizer von ihren Telecom-Unternehmen ganz gehörig abgezockt. Ich kann bei Post.lu mit Scoubido S für 28 Euro pro Monat 3000 SMS oder Sprechminuten sowie 5.5 GB Daten nutzen, erst danach kostet es zusätzlich. In einen supergünstigen Firmenvertrag konnte ich bisher für 22 Euro 6 GB Daten pro Monat nutzen, aber ohne Roaming, und Gespräche kosteten extra.
Für die obligatorische Krankenversicherung habe ich mit Care Concept die Expat-Lösung gewählt, die maximal 5 Jahre dauern und jederzeit abgelöst werden kann, sollte ich einen Job finden und dann standardmässig vom Arbeitgeber versichert sein. In der Schweiz bezahlte ich für die billigste Lösung bei Sanitas Compact (2500 CHF Selbstbehalt) 227 Euro pro Monat, während ich für einen besseren Schutz mit weniger Selbstbehalt neu nur 77 Euro (500 EUR Selbstbehalt) bezahlen werde. Da Unfälle auch in der Krankenversicherung eingeschlossen sind, muss ich wegen einem eben erst auskurierten und korrekt deklarierten Skiunfall noch 8 Monate lang einen Aufpreis von 16 Euro pro Monat bezahlen. In der Schweiz macht man hier den feinen Unterschied, was bisweilen zu Disputen führen kann, ob etwas als Unfall oder Krankheit zu betrachten sei.
Was mich auf schweizer Seite überrascht hat, war die leichte Kündbarkeit von Verträgen für Mobiltelefon, Krankenkasse, Hausrats- und Haftpflichtversicherung, etc. Es brauchte dazu lediglich die Abmeldebestätigung von der Einwohnerkontrolle und schon ist man raus aus diesen Fixkosten. Die Autoversicherung hängt mit dem Strassenverkehrsamt zusammen. Sobald dort die Meldung eingeht, dass die CH-Nummer zurückgegeben wurde, wird die Versicherung gleichentags gekündigt.
Die Luxemburger Autoversicherung kostet für mein Auto zwischen 294 und 623 Euro pro Jahr, je nach Bonusstufe. Da meine Schweizer Versicherung mir einen Bonus von 40% bescheinigt hat, kostet es mich neu statt 348 Euro (Smile Direct) nur noch 294 Euro (Foyer). Der Wechselkurs EUR/CHF hat sich in den letzten Monaten langsam verteuert und steht im Moment bei 1.15 CHF/EUR.

Luxemburg lässt sich gut mit Flugzeug und Auto erreichen. Dabei ist erstaunlich, dass Flugtickets von Luxemburg aus weniger kosten, als wenn bei der selben Airline Zürich als Startpunkt gewählt wird. Auch beim Automobil-Kraftstoff ist Luxemburg als Startpunkt empfehlenswert: am Stichtag kostete Diesel in Zürich 1.50 EUR, während der Preis in Luxemburg City 1.13 EUR betrug.
Die ganze Übersicht läuft darauf heraus, dass Luxemburg eine Spur günstiger ist als die Schweiz. In Restaurants habe ich einen Preiseffekt von minus 20-30% ermittelt. Doch die Einkommensteuern für unverheiratete und kinderlose Personen sind höher als in der Schweiz, während der Medianlohn vergleichbar ist (Lux 2015 = 5300 Euro versus Schweiz 2017 = 5600 Euro). Unter Berücksichtigung der Lebenshaltungskosten liegt die Schweiz bei der Kaufkraft für mittlere Führungsebene auf Platz 1, gefolgt von Luxemburg auf Platz 2. Wie es für Arbeitslose ohne Einkommen aussieht, werde ich herausfinden, wenn ich zum Zeitpunkt der Steuererklärung noch immer keinen Job habe. Ihr seht, dieses neue Domizil ist nicht das Ergebnis von Analysen, sondern eine willkommene Gelegenheit, um wieder mal einen Schritt ins Ausland zu machen.
Was das Artikelbild betrifft, so wird in der Schweiz dieses mit Buttercreme gefüllte Gebäck als „Luxemburgerli“ verkauft. Die Luxemburger kennen es als Macaron, doch ist es dort bei weitem nicht so identitätsstiftend, wie das die Schweizer annehmen. Es hat seinen Ursprung jedoch in der Luxemburger Patisserie Namur 🙂
Foto von Andreas Ebling auf Flickr
