Nach über 40 Jahren Arbeit mit dem Versprechen des wohlverdienten Ruhestandes kommt es in diesem Jahrzehnt zu einem unangenehmen Aufwachen. Weltweit erschweren die langen Jahre mit Niedrigzins eine gute Rendite, macht die Überalterung der Querfinanzierung der Renten einen Strich durch die Rechnung und bringt die zunehmende Langlebigkeit der Alten die Pensionskassen in Bedrängnis. Und dazu gesellen sich die Kosten für die Bewältigung der Coronakrise. Was können Regierungen und Pensionskassen tun? Geld drucken und Leistungen kürzen.
Jahrelang hatte zuvor höchstens die Teuerung am fixen Betrag der Altersvorsorge genagt, ohne die Empfänger ernsthaften Armutsrisiken auszusetzen. Wer in den Nachkriegsjahren mit zunehmender Seniorität mehr verdient und sich auf dem Niveau von 75% des letzten Gehaltes zur Ruhe setzen konnte, der hatte ausgesorgt. Die Generation meiner Eltern ist vor dem zweiten Weltkrieg geboren und konnte sich in einer Periode des allgemeines Aufschwunges und des demographischen Wachstums den Luxus leisten, dass ein Partner zuhause die Kinder aufzieht und – was noch wichtiger ist – dank positiven Zinsen und einem Bullenmarkt von 1980 bis 2000 auf eine gut gefüllte Pensionskasse verlassen.
In mein Arbeitsleben fiel der Verlust des Leistungsprimates – jenes wundersamen Füllhornes, das die Rente auf der Basis von 80% des letzen Lohnes festlegte. Zwar bedeutete dies, sich bis zum Endes des Berufslebens maximal zu engagieren, doch mutete der zu erwartende Betrag fürstlich an, zumal sich auch noch die AHV dazugesellen würde. Doch 2013 war Schluss mit dem Spuk – ein herber Verlust vor allem für Kaderangestellte.
Beim Beitragsprimat wird auf des Basis des angesparten Pensionsvermögens eine Rente bezahlt, die mit einem Umwandlungssatz errechnet wird. Im Jahre 2000 erhielt ein Pensionär jedes Jahr 7.2% ausbezahlt. Bis 2015 wurde dieser Satz schrittweise auf 6.8% reduziert. Bei meinem ehemaligen Arbeitgeber wurde dieser Satz bis 2025 nochmals um 1 weiteres Prozent verringert, wodurch ich bei meinem Pensionseintritt statt 7.2% noch 5.8% gekriegt hätte. Das sind 20% Reduktion innerhalb einer Generation. In diesen 25 Jahren wird sich zugleich die Lebenserwartung um 5 Jahre erhöhen, wodurch die Rente statt wie früher 15 nun 20 Jahre lang reichen muss.
Wenn Pensionskassen sparen müssen, dann galt bis jetzt das Gebot der Besitzstandwahrung für die Rentenempfänger. Meist werden die Spielregeln für die Einzahlenden verändert. Doch unter dem Druck von Langlebigkeit, Niedrigzins und Überalterung erodiert diese Bastion langsam.
In Frankreich versuchte Präsident Macron 2019, eine Rentenreform durchzupauken, welche die 42 unterschiedlichen staatlichen Rentensysteme hätte vereinheitlichen sollen. Betroffen wäre die arbeitende Bevölkerung, die teilweise empfindliche Leistungskürzungen in Kauf nehmen müsste. Aufgrund der Coronakrise wird dieses Reform auf mindestens Ende 2020 verschoben.
In Grossbritannien sind Renten mit einem dreifachen Schutz versehen. Dieser garantiert, dass die staatliche Rente jedes Jahr ansteigt, entweder um 2.5%, dem durchschnittlichen Lohnanstieg in Prozent oder der prozentualen Teuerung – was auch immer am höchsten ist. Der Wegfall der 2.5% Mindesterhöhung wird 2020 diskutiert. Bereits umgesetzt wurde die Reduktion der Leistungen für erwachsene Angehörige, wodurch ab April 2020 einige Tausend Pensionäre pro Jahr GBP 3500 weniger erhalten.
In Irak wurden Renten im Juni 2020 um 10% gekürzt. Nachdem ein Aufschrei durch die Bevölkerung ging, beeilte sich der Premierminister zu versichern, dass es sich lediglich um einen Liquiditätsengpass der Regierung gehandelt hätte und der Fehlbetrag im Juli erstattet würde.
Selbst in den Niederlanden, dem Land mit dem ehemals besten System der Altersvorsorge (Mercer Pension Ration 2019), könnte es 2020 zu einer Leistungsreduktion kommen, weil die Pensionskassen in Unterdeckung geraten. Noch ist unklar, ob lediglich der arbeitende Teil der Bevölkerung zur Kasse gebeten wird oder allenfalls auch Rentenempfänger mit Kürzungen rechnen müssen
Eigene Modellrechnungen lassen erwarten, dass ich einst mit 60% meines momentanen Lohnes in Rente gehen könnte und das bei Einbezug der staatlichen Altersvorsorge (1. Säule) und der betrieblichen Pensionskasse (2. Säule). Dies entspricht genau dem gesetzlichen Leistungsziel. Doch dazu müsste ich bis zum Erreichen des Pensionsalters arbeiten und gut verdienen. Falls ich bis dann nicht gelernt habe, 40% meines Lohns zu sparen, würde ich meine Ersparnisse anbrauchen müssen. Dies ist das best-case Szenario.
Die Spielregeln werden sich auch in diesem Jahrzehnt weiter verändern. Das Pensionsalter wird weiter erhöht. Inflation kann die Kaufkraft der Rente und des Vermögens schmälern; notleidende Pensionskassen müssen die Leistungen kürzen. Vielleicht bin ich auch gar nicht fähig, bis zum Erreichen meines Pensionsalters voll zu arbeiten. Vielleicht nicht zu einem Lohn, der den Aufbau des persönlichen Pensionskassevermögens unterstützen kann? Das realistische Szenario spielt sich für mich deshalb irgendwo unterhalb der 60% ab.
Als untere Schwelle können wir die Sozialhilfe betrachten, welche in der Schweiz bei Rentnern meist durch die staatliche Altersvorsorge und einer Ergänzungsleistung abgelöst wird. Dabei würde ich nach Berechnungen vom Pro Senectute total etwa 35’000 Franken pro Jahr kriegen, falls ich kein Vermögen habe. Damit ist in der Schweiz jedoch die Grenze zur Altersarmut fast schon erreicht. Die paar Senioren, die sich schämen Ergänzungsleistungen zu beantragen, leben hart am Existenzminimum einer AHV-Rente, die maximal 28’000 Franken pro Jahr beträgt. Sie wird in vielen Fällen jedoch gekürzt ausbezahlt, weil nicht alle Bedinungen voll erfüllt sind. Genaue Zahlen sind online nicht verfügbar. Vielleicht weil sie Sozialpolitischen Sprengstoff enthalten?
Was können wir tun, um uns auf Pensionskürzungen vorzubereiten?
- Ersparnisse ergänzen die staatliche und betriebliche Rente als sogenannte dritte Säule. Sie dienen im Alter sowohl dazu, Einkommenslücken zu stopfen, als auch durch geeignete Investitionen vor Inflation zu schützen und idealerweise eine Rendite zu erwirtschaften. Meine Empfehlung: Je mehr, desto besser, denn darauf kann ich mich verlassen.
- Wer seiner Pensionskasse nicht vertraut, kann durch geeignete Massnahmen diesen Topf ins Vermögen überführen. In der Schweiz sind Wohneigentum, Selbständigkeit und Wegzug ins Ausland zulässige Gründe, um zumindest einen Teil das Geldes rauszulösen. In anderen Ländern ist dies leider nicht möglich.
- Auswanderung in ein Land und/oder jahrelange Arbeitstätigkeit in einer Firma, die ihre Hausaufgaben punkto Altersvorsorge gemacht haben, kann vor unliebsamen Überraschungen schützen. Hier ist darauf zu achten, dass die staatliche Rente nicht durch Umlagerung von der arbeitenden Bevölkerung zu den Pensionären zustande kommt und betriebliche Renten nicht nur in den Bilanzen existieren. Rechtlich getrennte Vehikel, die professionell gemanagt werden, müssen es schon sein. Sonst ist mit der Betriebspleite auch die Rente weg. Das Pensionsalter und die Rentenhöhe sollen automatisch an die Lebenserwartung gekoppelt sein, um nicht ständig änderungen der Spielregeln ausgeliefert zu sein. Die Allianz hat für 2020 eine Rangliste erstellt: Schweden. Belgien und Dänemark nehmen darin die Spitzenplätze in der Altersvorsorge ein.
- Auch wenn die Lebenserwartung statistisch ermittelt wird, entscheiden persönliche Komponenten darüber, in welcher Lebensqualität man altert und welchen Risikofaktoren man ausgesetzt ist. Dies kann helfen, den geeigneten Schlüssel zu wählen, wenn man zwischen Rente oder Kapital (oder einer Mischform) entscheiden muss. Dabei kann es auch eine Rolle spielen, ob man beim Ableben etwas vererben möchte.
Dabei soll nicht vergessen werden, dass diese Überlegungen vor allem in der ersten Welt möglich sind. Millionen von Menschen in Entwicklungsländern kennen keine Rente oder Altersvorsorge und arbeiten, solange sie können. Die UN schätzen, dass bis 2030, dem Zieltermin für das Sustainable Development Goal 1 „Armut in allen Formen überall beenden“, eine Milliarde über 60-jähriger in Entwicklungsländern leben werden. Das Armutsproblem nimmt mit dabei mit zunehmendem Alter zu. Mehr für Frauen als für Männer. Es gibt noch viel zu tun bis dann und die lahmende Weltwirtschaft aufgrund Coronavirus-Krise hilft nicht wirklich dabei.
