Rückblick auf die GR5-Wanderung

Wie versprochen beschreibe ich hier einige Eindrücke meiner langen Wanderung und zeige die schönsten Bilder. Ob der Sommer 2018 als Jahrhundertereignis in die Annalen eingehen wird, muss die Nachwelt entscheiden. Es war viele Wochen lange schön und heiss, bevor der grosse Wetterumschwung kam.

Woche 1

Die erste Woche in Luxemburg kann als Experimentierphase beschrieben werden. Um an den Startpunkt im südlichen Belgien zu kommen, musste ich zunächst das etwas undurchsichtige System mit Bushaltstellen, Fahrtrichtungen  und Kommunikation mit dem Fahrer erlernen. An der Bushaltestelle zu stehen genügt dabei nicht, sondern den Fahrern muss signalisiert werden, dass man mitfahren möchte. Der GR5-Fernwanderweg präsentierte sich ähnlich zurückhaltend. Keine Wanderer, wenige Übernachtungsgelegenheiten, leere Restaurants (wenn überhaupt) und unerklärliche Umwege. Mit der Zeit eröffnete sich deren Sinn: Wanderer sollen wohl mit zusätzlichen Höhenmetern für den südlichen Teil in den Alpen trainiert werden 😉

Übernachtungen fanden meist zuhause statt, mit täglichen Bus- oder Zugtransfers, die in Luxemburg sehr kostengünstig sind. Meine Abfallsammelaktion hat die Landschaft um etwa 15 kg erleichtert.

 

Das hat mir sehr gefallen:

  • Weindegustation in Grevenmacher
  • Wanderung der Mosel entlang
  • Müllerthal Trail
  • Moderne Jugendherberge in Beaufort
Darauf hätte ich verzichten können:

  • Insektenattacke nach Regenguss
  • Sommerhitze mit bis zu 36° C
  • Einsamkeit auf den Trails
  • Fussschweiss und Blasen
  • Wanderetappen entlang von Strassen
  • Fehlendes Trinkwasser

Woche 2

Kaum hatte ich Luxemburg verlassen, erschienen Dörfer mehr und mehr verwahrlost und die Umgebung wurde landwirtschaftlich genutzt. Die Getreideernte war in vollem Gang und Strohballen waren so gross, wie ich noch nie gesehen habe. Der Jakobsweg verlief hier parallel zum GR5 und ich machte zum ersten Mal Bekanntschaft mit einem anderen Wanderer.  Wir verbrachten den ganzen Tag miteinander und tauschten uns aus. Was eigentlich einer der Ziele für die lange Wanderung war, hat Seltenheitswert. Abfallsammeln kommt zum Erliegen, zu viel davon lag rum und zu selten waren Abfallkübel in diesem Teil von Frankreich.

Mehr und mehr wurden die Zeugen vergangener militärischer Konflikte. Die hügelige Region, die ich durchwanderte, war in den vergangenen 150 Jahren immer wieder Brennpunkt verschiedenster Interessen. Ich durfte mit unterschiedlichen Übernachtungsformen experimentieren und wurde am Nationalfeiertag von einer Familie nicht nur zum Übernachten eingeladen, sondern auch zum Barbecue mit deren Freunden. Insgesamt habe ich wild campiert, eine verwahrloste Hütte mit Bettwanzen besucht, auf dem Campingplatz in einem Wohnwagen übernachtet, im Lokal des Fussballclubs genächtigt und war ein letztes Mal für eine Nacht zuhause in Luxemburg.

 

Das hat mir sehr gefallen:

  • Kontakt zu anderem Fernwanderer
  • Gastfreundschaft von Menschen auf dieser Etappe
  • Besuch in Metz
  • Feuerwerk am Vorabend des Nationaltages in Liverdun
  • Fussball-Finalspiel Frankreich gegen Kroatien im Gemeindesaal von Marsal
Darauf hätte ich verzichten können:

  • schlecht unterhaltene Wanderwege
  • trockene Brunnen
  • ungezogene Hunde

Woche 3

Der Weg führte mich durch eine von Seen und Kanälen geprägte Ebene, wo sich Feriengäste tummelten und auf Fahrrädern und Hausbooten durch die Gegend zogen. Ich übernachtete äusserst komfortabel, bevor ich den Vogesenkamm überschritt und im Elsass landete. Eine kurze Etappe, bevor ich Ferien mit meinem Sohn machte, der kein Wanderfreund ist. Gleichzeitig war ich froh, dass ich nach den Strapazen der ersten beiden Wochen auftanken konnte. Es war körperlich nicht besonders anstrengend, wohl eher eine mentale Müdigkeit, die das Resultat meines Umganges mit Ungewissheit war. Wo und wie würde ich übernachten, wie Regengüssen ausweichen, wo Essen einkaufen? Im Nachhinein fühlt es sich an wie ein Kulturschock beim Besuch eines anderen Landes.

Beim Wandern zu fasten war endgültig vom Tisch. Ich hatte zwar tagsüber trotz reduzierter Kalorienzufuhr nie gross Hunger, doch der Appetit war enorm, sobald ich abends Gelegenheit hatte, etwas einzukaufen oder in einem Restaurant zu essen. Ich hatte das Gefühl, dass Muskeln abgebaut wurden, denn nicht nur schmolz das Bauchfett wie an der Sonne, sondern die Beine wurden dünner. Unterwegs ass ich gerne wilde Beeren und Früchte, die gerade reif waren. Vitamine!

 

Das hat mir sehr gefallen:

  • Stocksee bei Rhodes
  • Begegnungen mit Wildschweinen
  • Aussicht vom Mont Donon
Darauf hätte ich verzichten können:

  • Wandern auf asphaltierten Strassen und Fahrradwegen

Woche 4

Gestärkt von Ferien in den Ferien reiste ich zurück nach Schirmeck, um die Wanderung fortzusetzen. Die Temperaturen waren noch immer hoch und mit jedem Abstieg in die Niederungen des Elsass litt ich, nachdem ich zuvor in Paris den ersten Sonnenstich meines Lebens eingefangen hatte.

Am Konzentrationlager Struthof mit seiner erschreckenden Geschichte vorbei ging es über die Hochebene mit Skigebiet auf 1000 m.ü.M. nach Hohwald, einem Ferienort am Ende einer Strasse. Dort gab es das beste Trinkwasser auf dem ganzen Trip.

Online lernten wir ein Paar kennen, das den selben Weg 10 Tage zuvor unter die Füsse genommen hatte mit dem selben Ziel Mittelmeer. Allerdings waren sie in Schottland auf dem E2 gestartet und hatten schon sehr viele Kilometer in den Beinen. Es wäre nett gewesen, sich physisch mit ihnen zu unterhalten.

Nach Besuch des Klosters St. Odile ging es runter zur Rheinebene. Da mich meine Freundin nur zwei Tage lange begleiten konnte, wanderten wir im Tal (und in der Bruthitze), um einen Bahnhof erreichen zu können. Der Weg durch die Winzerdörfchen war hübsch, wenn auch etwas zu warm.

Das hat mir sehr gefallen:

  • Wandern mit Freundin
  • Wasserqualität in Hohwald
  • Konzentrationslager Struthof
  • Mont Saint Odile Kloster
  • Winzerfest in Nothalten
Darauf hätte ich verzichten können:

  • Hitzewelle

Woche 5

Diese Woche standen Schlösser, Forts und Befestigungsanlagen auf dem Programm. Doch zunächst stieg ich schleunigst wieder in die Höhe rauf, um der Affenhitze im Rheintal zu entkommen. Nur einmal verbrachte ich die Nacht unten – im schmucken Elsässer Dorf Ribeauvillé.

Auf dem Vogesengrat auf 1200m.ü.M. ging es durch ein Naturschutzgebiet mit fast schon alpiner Vegetation und stillen Seen, die weit unten lagen. Hier waren die Wanderwege mit Tagestouristen bevölkert und Restaurants gab es zuhauf. Gestärkt von einer deftigen Mahlzeit und einer Hotelübernachtung setzte ich zur längsten Etappe auf meiner Wanderung an: 46km mit 2200 Höhenmetern. Ich hätte auch abkürzen können, doch dann hätte ich das Hexenauge verpasst, das von einem umgestürzten Burgturm gebildet wird. Auch mit der Filmemacherin aus Holland hätte ich nicht sprechen können, die ganz entspannt die Abendsonne genoss.

Auch wenn ich in den Folgetagen etwas weniger weit wanderte, ging es viel zu schnell in die ebene runter, wo es noch immer heiss war. Zum Glück hatte es unter den vielen Seen einen, wo Baden erlaubt war und ich stieg, so wie ich war, ins kühle Nass. Die Kleider mussten danach am Körper trocknen und übernachtet wurde auf der Wiese des Ruderclubs.

Am Ende der Woche hatte ich die Schweiz erreicht, nach 26 Tagen Wanderung. Ein unsinniges Stück Weg erwartete mich, das dem Grenzverlauf folgte. Da die Kartographen (oder Feldherren) die Topographie ignoriert hatten, ging es dabei rauf und runter, was mich ans Ende meiner Kräfte brachte. Meine Beine hatten jetzt 760km und 12’000 Höhenmeter intus.

Das hat mir sehr gefallen:

  • Gratweg in den Vogesen
  • Hexenauge in Thann
  • Auberge Huss
Darauf hätte ich verzichten können:

  • Affenhitze
  • Grenzweg F-CH

Woche 6

Von jetzt an ging es der Schweizer Grenze und dem Doubs entlang bis hin zur Quelle des Doubs. Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. 1700 Liter pro Sekunde fliessen im Schnitt aus der Höhle, die der unterirdische Fluss im Laufe der Jahrtausende in den Kalkstein gefressen hat.

Der Fluss hat sich auch im weiteren Lauf tief in die Landschaft gegraben. Eigentlich ist der Zugang beschwerlich, doch im 18. und 19. Jahrhundert war Wasserkraft die beste Energiequelle, so dass sich trotz fehlenden Verkehrswegen und Überschwemmungsgefahr zahlreiche Fabriken im Tal angesiedelt hatten.

Die Nähe zur Schweiz wirkte sich auch emotional aus, so dass ich bis nach La-Chaux-de-Fonds ging, als sich für die Nacht Regen ankündigte.  In einem verstellten Schlafsaal im islamischen Zentrum lernte ich die Realität von schlecht bezahlten Gastarbeitern in der Schweiz kennen. Ich traf dort auch den Gründer eines Hilfswerkes, der jeden Rappen sparte, um Mahlzeiten bereitstellen zu können. Insgesamt ein interessanter Ausflug in eine andere Welt.

Nachdem ich im weiteren Verlauf der „Grand Traverse du Jura“ total die Orientierung verlor und nicht mehr wusste, in welchem Land ich gerade war, wurde die Sache Ende Woche glasklar: der Genfersee lag vor mir, die SBB brachte mich von Nyon nach Morges und ich setzte nach Thonon-les-Bain über, um die Königsetappe durch die Alpen in Angriff zu nehmen.

 

Das hat mir sehr gefallen:

  • Maison Biaufond (Restaurant)
  • Openair-Kunst in Les Planchettes
  • Doubsquelle
  • Auberge du Vieux Chateleu
  • Absinth-Destillerie in La-Cluse-et-Mijoux
  • La Loge à Ponard
Darauf hätte ich verzichten können:

  • Schlafsaal im islamischen Zentrum von La-Chaux-de-Fonds

Woche 7

Die Woche begann mit einer Kaltfront und zum Glück konnte ich die verregnete Nacht in einem Hotelbett verbringen. Vom Genfersee ging es quer über die Berge nach Chamonix und die majestätische Bergwelt nahm mich in ihren Bann.

Fast jeden Tag gab es ein Auftürmen von Wolken und einen kurzen oder langen Regenguss am Abend. Nach einer verregneten Nacht im neuen Zelt machte ich im ersten Hotel Halt, um alles zu trocknen. Irgendwie wird das Material nässer, als man sich das im Vornherein vorstellt. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dort ein Gourmetrestaurant zu vermuten und die Besitzerin musste mich zuerst überzeugen, Halbpension zu wählen.

Noch einmal verlief der Wanderweg auf Schweizer Boden, wo ich in den letzten heimischen Gefühlen schwelgen konnte, bevor mich der Trail tiefer in die französischen Alpen führte.

Auf einer Alp rief jemand meinen Namen. Es war meine Instagram-Bekanntschaft – das Schweizer Paar, das ich nach 20 Tagen endlich aufgeholt hatte. Sie hatten ihre Firma verkauft, um sich den Freiraum für die Wanderung von Schottland ans Mittelmeer zu schaffen. Wir verbrachten einen schönen Abend zusammen, dann gingen unsere Wege wieder auseinander. Doch wie viele Menschen, denen ich auf der Südetappe des GR5 begegnete, sah ich sie später  wieder.

Jetzt stand der Mont Blanc eindrücklich vor mir und ich machte Bekannstschaft mit den vielen Leuten, die den Rundkurs „Tour de Mont Blanc“ wanderten. Das führte zu Staus auf den Wanderwegen, überfüllten Übernachtungsgelegenheiten und ich zog mich etwas weiter entfernt zurück, um die Ankunft meines Wanderkollegen abzuwarten. Schon bald  konnten wir bei schönstem Wetter in Les Houches starten.

 

Das hat mir sehr gefallen:

  • Restaurant Vieux Moulin in La Chapelle-d’Abondance
  • Bergwelt in den Alpen
  • Bekannschaften
Darauf hätte ich verzichten können:

  • Regen und Kälte
  • Menschenmassen auf der Tour du Mont Blanc

Woche 8

Immer tiefer führte uns der Fernwanderweg in die Alpen hinein und zu den schönsten Flecken. Der Vanoise Nationalpark mit seiner Mischung aus hochalpinen Etappen und menschlichen Einflüssen zählt zu den Highlights der gesamten Wanderung. Die GR55-Variante hat zwar die ganze Wanderung verkürzt, doch  lohnte sich das.

Manchmal konnten wir den nachmittäglichen Regengüssen nicht ausweichen und umso mehr schätzten wir die Übernachtungen an trockenen Orten. Die meisten Berghütten boten guten bis sehr guten Service an und manchmal gab es was anderes als Gratin.

Tagsüber bestand die Mahlzeit meist aus Käse und Brot, ergänzt durch das obligate Panaché, was mit genügend Bau- und Brennstoffe für weitere Wanderstunden lieferte.

In Modane verliess mich mein Wanderkollege, dafür besuchte mich meine Partnerin für die letzten beiden Wanderwochen. Hier war der südliche Einfluss bereits spürbar. Während in der Schweiz die Schneefallgrenze auf 2000 Meter gesunken war, gab es am Mont Thabor auf 2500m noch kleine Schneeresten und Anzeichen einer kalten Nacht.

Das hat mir sehr gefallen:

  • Lac des Vaches im Vanoise Nationalpark
  • Vanoise Nationalpark
  • Wandern zu zweit
Darauf hätte ich verzichten können:

  • Refuge de la Croix du Bonhomme
  • verbaute Skistation Val Claret bei Tignes

Woche 9

Durch Kieferwälder ging es hinunter in die warme Welt von Briançon. Mit südlichen Flair und militärischer Architektur begeistert die höchstgelegene Stadt Frankreichs. Hier trafen wir Bekannte, die ich vor 10 und 20 Tagen zum letzten Mal gesehen hatte. Wir gingen einen Stück des Weges gemeinsam, bis wir uns wieder in unserem eigenen Tempo fortbewegten.

So durchquerten wir den Queyras Nationalpark, wo weitere Befestigungsanlagen an der Grenze zu Italien standen, die Murmeltiere fast handzahm waren und täglich 1 – 2 Pässe zu absolvieren waren.

In St. Etienne de Tinnée übernachteten wir in der kommunalen Herberge, wo für wenig Geld ein ganzes Stockwerk in einem modernen Bau zur Verfügung stand. Vis-à-vis gab es einen Laden und wir kochten zum ersten Mal auf dem ganzen Trip eine Mahlzeit.

Am nächsten Morgen versuchten wir es mit Autostop und der Pfarrer des Tales nahm uns mit bis zum Start der GR52-Variante im Mercantour.

Das hat mir sehr gefallen:

  • Briançon und seine Forts
  • Lac Mirroir
  • Kommunale Herberge in Saint Etienne de Tinnée
  • Die Waldkühe am Col de Salèse
  • Saint Dalmas de Valdeblore
  • Wiederbegegnung mit diversen Wanderbekanntschaften
  • Wandern zu zweit und zu viert
Darauf hätte ich verzichten können:

  • nichts

Woche 10

Auf der GR52-Variante gab es nur noch wenige Übernachtungsmöglichkeiten, die zudem sehr gut gebucht waren. Somit buchten wir im Voraus und wählten Standardetappen, weil die Beschreibung der Wege Schwierigkeiten erahnen liess. Doch an Ort und Stelle war nur der Pas de Mont Colomb eine kleine Herausforderung, wo der Blick zunächst keinen Halt fand, ehe klar wurde, wie man die ersten Meter runterklettern konnte.

So waren einige Wandertage kurz, wodurch die Sehenswürdigkeiten besser genossen werden konnten: Steinbock, Gämsen, Steinzeit-Felskritzeleien, tiefblaue Seen, weite Einblicke in die Landschaft. Beeren am Wegrand wollten gegessen werden und am Ende der Wanderung gab es meist einen „Pichet du vin“

Täglich liefen die selben Gruppen von der Refuge los und man sah sich spätestens am Abend bei der nächsten Hütte wieder. Je näher wir zum Meer kamen desto neugieriger wurden meine Blicke, doch die Bewölkung gab nichts preis, bis wir am letzten Tag die letzte Krete überquert hatten und den blauen Hafen von Menton erkennen konnten.

Der Weg blieb bis zuletzt anspruchsvoll, indem es die letzten 1000 Höhenmeter steil und auf Kies runterging. Nun hingen hier endlich die ersehnten Feigen halbwild an den Bäumen und mit einem erfrischenden Bad im Meer konnten der heisse letzte Tag und die vergangenen 59 Tage mit 1500 Kilometern abgeschlossen werden. Danach stand nur noch Genuss in Nizza auf dem Programm, wo wir uns von 4 Wanderkollegen verabschiedeten.

Das hat mir sehr gefallen:

  • Wandercommunity
  • Kletterstellen
  • Wandern zu zweit
Darauf hätte ich verzichten können:

  • steiler Weg runter am Ende
  • Ende der Wanderung

Schreibe einen Kommentar